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Zur Organtransplantation


 Nicht häufig, aber doch immer wieder, erlebe ich „hirntote Menschen“ auf unserer Intensivstation. Das sind Männer oder Frauen, deren Gehirn durch einen Unfall oder eine Krankheit völlig zerstört worden ist. Je nachdem, was die Ursache dafür war, können diese Menschen ansonsten relativ gesund sein; doch ohne aufwendige Hilfe würden sie sofort sterben. Das liegt daran, dass wir zum Atmen - anders als für unser Herz, das von selber schlägt – notwendigerweise das Gehirn brauchen. Ein Mensch ohne Hirn atmet nicht mehr, fühlt nicht die Atemnot und stirbt, wenn man die Maschinen abstellt innerhalb von wenigen Minuten, ohne dass sich sein Körper dagegen wehren würde. Nach dem Gesetz sind solche Menschen schon tot, „hirntot“. Wenn man allerdings ihren warmen Körper anfasst, ihr Herz schlagen hört, wenn man erlebt, wie sich ihr Brustkorb (wenn auch nur durch die Maschine) hebt und senkt, fühlt sich das anders an. Und da ich der Überzeugung bin, dass der Mensch eine Einheit aus Körper und Geist ist, weigere ich mich auch, seinen Tod an dem Tod nur eines Organs, und sei es auch des Gehirns, festzumachen.

Allerdings, eines ist klar: Ein hirntoter Mensch hat keine Chance, wieder ins Leben zurückzukehren. Der Zeitpunkt ist vorbei. Er wird mit Sicherheit sein Sterben bald vollenden. Und deshalb ist die Feststellung des Hirntods (übrigens durch zwei unabhängige Ärzte) der Zeitpunkt, an dem nach unseren Gesetzen die regelmäßige Anfrage an die Angehörigen kommt: Stimmen Sie zu, dass diesem sterbenden Menschen Organe entnommen werden?

Ich denke, Sie wissen, wie viele Menschen darauf warten, ein neues Herz, eine neue Lunge, eine neue Leber oder eine neue Niere zu bekommen, um so ihr Leben zu retten oder ihnen die regelmäßige Blutwäsche zu ersparen. Um diesen Menschen eine Chance zu geben, sehen es die Bestimmungen in Deutschland vor, dass, wenn der Sterbende nicht schon zu Lebzeiten über eine Organentnahme entschieden hat, seine Angehörigen diese Entscheidung nachholen sollen. In einer Situation, in der sie von Trauer gezeichnet sind, in der sie vielleicht noch gar nicht verstanden haben, was da passiert ist, in der sie sich nur eines wünschen, ihr Liebster möge leben.

Meine Bitte: Ersparen Sie Ihren Angehörigen diese Entscheidung und fällen Sie sie selbst. Überlegen Sie noch heute, ob Sie gegebenenfalls ein Organ empfangen wollten, und vor allem, ob Sie bereit wären, im Sterben Ihre Organe zur Verfügung zu stellen. Im vollen Wissen darum, dass eine Entscheidung für eine Organentnahme Ihren Sterbeprozess verändern würde. Im vollen Wissen darum, dass dies auch Ihren Angehörigen einiges zumuten würde. Im Wissen darum, dass Sie Ihre Organe sicher nicht mehr brauchen würden. Im Wissen darum, dass Sie Menschen damit eine große Hilfe sein könnten. Aber auch im Wissen darum, dass niemand ein Anrecht auf das Organ eines anderen hat.

Und wenn Sie sich entschieden haben, schreiben Sie es so auf, dass die anderen Bescheid wissen und nicht mehr rätseln müssen, was denn nun wohl ihr Wille sei. Damit tun Sie sich und Ihren Angehörigen sicher den größten Dienst für solch eine Situation.

Hanno Paul, Pfarrer am Lukas-Krankenhaus

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