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Manchmal kann weniger mehr sein
In den letzten Zeit war ich in der
sogenannten Elternzeit. Während meine Frau sich ein ganzes Jahr um
unseren Familienzuwachs gekümmert hatte, machte der stolze Papa zwei
Monate Gebrauch von dieser Möglichkeit. Aus dem heutigen
Berufsalltag heraus in eine ganz andere Welt. Sechzig Tage in denen
ich mich um unsere beiden Kinder kümmern durfte, vor allem natürlich
um unseren jüngsten Sohn, der jetzt fast eineinhalb Jahre ist.
Im Beruf gilt es heute, gut organisiert
zu sein, methodisch und konzentriert seine Aufgaben erledigen.
Überall ist die Arbeit verdichtet worden, weniger Menschen müssen
mehr schaffen. Die Verdichtung von Tätigkeiten ist auch am
Pfarrberuf nicht vorbei gegangen, größere Gemeindebezirke,
Zusammenlegung von Gemeinden, Kürzung von Pfarrstellen...
Und dann war auf einmal alles anders.
Ich musste mich auf einmal auf einen ganz anderen Rhythmus
einstellen. Nicht mehr ich oder die Aufgaben, die ich mir vorgenommen
hatte, gaben den Takt vor, sondern das machte nun unser Kind. Man
will nur gerade mal eine kurze Strecke gehen, aber weil der Sohnemann
unbedingt ein Gänseblümchen bewundern möchte, aus dem Häuschen
gerät, weil schon wieder ein Auto vorbeifährt und dann ganz
fasziniert einer keckernden Elster hinterhersieht, braucht man auf
einmal zwanzig Minuten statt der üblichen 2, 3 Minuten. Es ist als
ob man im Auto mit hundertsiebzig über die Autobahn fährt und auf
einmal auf Zeitlupentempo eingefroren wird.
Wenn man aus vollem Lauf ins Schleichen
kommt, kann man schon ins Stolpern geraten. Der übliche Rhythmus
stimmt nicht mehr, die übliche Geschwindigkeit ist nicht angebracht.
Und dann gibt es zwei Möglichkeiten. Ich versuche, mein gewohntes
Tempo beizubehalten und das was dem entgegensteht, an mich
anzupassen, oder ich lasse mich mal auf einen anderen Takt ein. Nun
kann man ein kleines Kind nicht an den Rhythmus eines Erwachsenen
anpassen, ich musste mich also nach ihm richten. Mir fiel das aber
wirklich schwer.
Ich habe den Eindruck, dass genau das
es vielen Menschen wirklich schwierig macht, die Urlaubszeit, die ja
die schönste Zeit im Jahr sein soll, wirklich zu genießen. Die
Freizeit wird mit immer mehr Aufgaben angefüllt, weil man das von
der Arbeitswoche her am besten kann und kennt. Weil die Anspannung im
Beruf so groß geworden ist, wird die Entspannung immer schwerer. Der
Alltag ist geprägt von einem immer schneller werdenden Takt und da
liegt es nahe auch die Freizeit mit immer mehr anzufüllen, was dann
auch noch erledigt werden muss. Am Sonntag steht man spät auf und
dann muss noch hektisch ganz viel in der verbleibenden Zeit erledigt
werden.
Die Regel des Benedikt von Nursia für
seine Mönche sprach von einem Zweiklang, der das Leben der Mönche
bestimmen sollte: Gebet und Arbeit. Und er schrieb: dem Gebet ist
nichts vorzuziehen. Unser Leben heute ist so sehr von der Arbeit
geprägt, dass wir den anderen Teil des Lebens, die Muße, das Spiel,
die Entspannung, die Beschäftigung, mit dem, was mein Leben trägt
und hält, immer weniger ausleben.
Ich würde mir wünschen, dass es Ihnen
gelingen könnte, Ihre Urlaubszeit so zu gestalten, dass Sie sich
bescheiden, dass sie den anderen Rhythmus der Freiheit wahrnehmen und
damit einen Kontrapunkt setzen gegenüber dem Alltag. Ein anderer
Rhythmus kann eine andere Sicht auf die Welt ermöglichen und uns so
bereichern. Manchmal kann weniger mehr sein.
Rainer Wilmer, Gemeindepfarrer in Bünde-Lydia
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