 |
Lust auf Gott
Habe deine Lust am Herrn; der wird dir geben, was dein Herz wünscht. Psalm 37,4
Lust haben auf Gott – geht das? Oder war das nur unseren Vorfahren möglich, die, noch nicht in der Spaßgesellschaft lebend, kein solch reichhaltiges Angebot an Zerstreuung und Ablenkung hatten? Kann ich auf Gott heute noch Lust haben, an Gott meine Freude finden?
Ich habe manchmal den Eindruck, wir möchten den zweiten Teil des Satzes erleben, ohne uns auf den ersten Teil einzulassen. Gott soll sich uns zuwenden, ohne dass wir uns ihm zuwenden. Gott ist uns zwar wichtig, aber oftmals ausschließlich zur Befriedigung wichtiger persönlicher Bedürfnisse. Gottes Schutz und Segen sind uns immer willkommen, z. B. dass die Familie gesund und vor Unfällen bewahrt bleibt, dass die Arbeit gelingt und der Arbeitsplatz möglichst erhalten bleibt, dass man lange selbstständig leben kann und nicht dement ins Heim eingewiesen wird. Von solch einem verzweckten, funktionalisierten Glauben scheint der Psalmdichter David hier nicht zu sprechen. Seine Ansicht unterstreicht der Kirchenvater Augustin. Er hat einmal gesagt, dass wir Menschen dazu geschaffen wurden, um Gott zu genießen und die Welt zu gebrauchen. Wir versuchen es oft umgekehrt – die Welt zu genießen und Gott zu gebrauchen.
„Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz wünscht.“ Hier höre ich eine Reihenfolge, eine Rangfolge heraus: Lieber Mensch, lass dein erstes, dein primäres Anliegen im Leben darin bestehen, Gott als Gott anzuerkennen, ihn zu loben und zu feiern, ihn in seiner Größe und Macht zu ehren, dann wird er dir geben, was dein Herz wünscht, was dein Leben im Tiefsten ersehnt: Geborgenheit und Versöhnung. Erst er, dann ich. Denn er, Gott, sieht weiter als ich und weiß, was letztlich gut für mich ist.
Zur Lust am Herrn gehört wesentlich dazu, den Menschen in meiner Umgebung, in meinem Verantwortungsbereich in vielfältiger Weise zu dienen. Denn Gott selbst hat Freude, hat Lust an denen, die sich von ihm in Dienst nehmen lassen, die für seine Liebe transparent sind. So gilt jeder und jedem von uns auch heute konkret die Empfehlung: „Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz wünscht.“
Bettina Fachner, Pfarrerin im Evangelischen Krankenhaus Enger und im Matthias-Claudius-Haus
Zurück
|
 |