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Geiz?


Ich öffne den Umschlag, den ich beim Geburtstagsbesuch bekommen habe („Herr Pastor, Sie wissen schon, wofür es am besten verwendet werden kann“). Es war ein Besuch bei einer ganz durchschnittlichen Familie, man könnte sogar eher sagen, sie hätte schon sparen müssen, um sich mal was Besonderes leisten zu können. Im Umschlag lagen hundert Euro.

Das erlebe ich in Schweicheln gar nicht so selten, und jedes Mal ist meine Überraschung groß und auch meine Achtung vor diesen Menschen. Sie geben – nicht etwas, was sie ohnehin über haben, sondern sie werden es spüren, weil es anderswo fehlen wird.

Es klingelt an der Tür des Pfarrhauses. Jemand steht davor, den ich nicht kenne. „Herr Pastor, also, ich bin etwas knapp, die Miete und so und das Arbeitslosengeld ist beantragt, aber Sie wissen ja, das dauert, und könnten Sie mir nicht übers Wochenende aushelfen“.

Ich überlege. Braucht dieser Mensch wirklich Hilfe, oder will er mir Geld aus der Tasche ziehen? So ganz dringend wird es wohl nicht sein, er hat ja bisher auch überlebt. Also lasse ich mir den Namen geben und die Anschrift (eine Schweichelner Adresse) und verspreche, am nächsten Tag zu ihm nach Hause zu kommen; dann könnten wir alles in Ruhe besprechen.

Sie ahnen es schon: Es gab weder die Adresse noch konnten die Nachbarn auf Anfrage sagen, wo dieser Mensch wohnt. Hätte ich ihm Geld gegeben, es wäre ja nicht mein Geld gewesen, sondern ein Teil des Geldes, das ich von jemandem aus der Gemeinde bekommen hatte. Etwa 15-mal ist dies in den letzten Jahren so geschehen.

„Ausgeizen“, den Begriff kennen die Hobbygärtner. Bei Tomatenpflanzen macht man das und bei Rebstöcken ebenfalls. Ein Geiz ist ein Nebentrieb, ein störender Auswuchs, der den Pflanzen gierig den Saft aussaugt – der eigenen Pflanze wohlgemerkt, kein Schmarotzer! Geiz schadet also einem selbst am meisten.

Wie angenehm ist das Zusammenleben mit Menschen, die großzügig sind, und ich bin sicher, sie werden von ihrer Freigiebigkeit auch eine Menge zurückbekommen.„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ sagte Paulus, der Mann Gottes, als er um Spenden warb.

Sie merken schon, was ich von der „Geiz“ - Werbung halte: sie bringt den Menschen selbst nichts Gutes. – Es dauert immer Minuten, bis ich einen Faden in ein Nadelöhr gefädelt habe. Aber ein dickes Schiffstau einfädeln? Das ist ganz unmöglich. Früher nannte man ein Tau auch „Kamel“, und so entstand die Redensart vom Kamel, die Jesus auf die Reichen bezog: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt“.

Wie auch immer das gemeint ist: Die Kirche kann nur deswegen ihre vielfältigen Aufgaben erfüllen, weil es reiche Menschen gibt, die großzügig spenden. Ich bin allen dankbar für ihre Unterstützung und lasse mich dabei von der Geschichte leiten, die Markus in seinem 12. Kapitel über die arme Witwe erzählt.

Manfred Walter, Schweicheln

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