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Das große Gastmahl
Ein Albtraum: Stellen Sie sich vor, Sie haben sich entschlossen, ein großes Fest zu feiern. Haben alle Bedenken beiseite gestellt: Ob es denn nicht zu teuer wird, so viele Leute zu beköstigen. Ob Sie denn die Richtigen eingeladen haben und ob die Leute zueinander passen. Haben lange über der Gästeliste gegrübelt, wer mit wem etwas anfangen könnte, ob Sie Tischkarten aufstellen, ob Sie die von der Familie ungeliebte Tante einladen sollen oder nicht. Sie haben alle Bedenken beiseite geschoben. Diesmal wollen Sie es wagen, der Anlass ist schließlich gegeben. Sie versenden Ihre Einladungen, erwartungsvoll, gespannt. -
Und dann kommen die Absagen: Tut mir wirklich sehr leid, aber mein Terminkalender. Beim nächsten Mal vielleicht, aber wir bauen. Der Garten, du weißt ja selber wie das ist, nimm es nicht persönlich. Wir brauchen einfach Zeit füreinander und schlagen momentan alle Einladungen aus, geht also nicht gegen dich. Du weißt ja, wir haben das Wochenendhaus, wir müssen uns darum kümmern. Und so weiter.
Bei den ersten beiden Absagen haben Sie vielleicht noch Verständnis. Aber bei der dritten, vierten, fünften wird Ihnen doch anders: Habe ich vielleicht den falschen Termin gewählt? Warum lassen die mich hängen? Was habe ich falsch gemacht? – Und allmählich kommt zu den Selbstzweifeln und zur Trauer auch Zorn: Was bin ich denen eigentlich wert? Soll ich so mit mir umspringen lassen? – Und dann ist guter Rat teuer. Was ist zu tun? Alles absagen? – Eine Trotzreaktion, die nicht weiter führt. Denn der Saal ist bestellt, der Festtag rückt näher. Was für eine Blamage, jetzt abzusagen.
Ein Albtraum. Wer so etwas noch nicht selber erlebt hat, kann sich zumindest gut vorstellen, wie es sich anfühlt. Die Geschichte steht im Lukasevangelium. Jesus benutzt den Albtraum als Gleichnis: Gott ist der Hausherr. Wir sind die Geladenen. Es geht um das große Gastmahl, das Fest des Lebens.
Eigentlich kaum zu glauben, wie viele Absagen kommen. Lebendig, am Leben beteiligt sind doch alle Menschen. Was sind das dann für Absagen?
Im Bibeltext geht es um die Arbeit: einer hat sich ein neues Feld gekauft; ein anderer Ochsen neu erworben: Leistung, Besitzvermehrung, auch Konkurrenz mit den anderen sind wichtiger als das Fest des Lebens. Offensichtlich ruft die Einladung Gottes heraus aus dem Streben, das eigene Leben selber begründen zu wollen. Arbeit und Leistung haben ihren Platz im Leben, selbstverständlich. Aber wenn sie an die Stelle von Vertrauen und Glauben treten und dem Leben Halt und Sinn geben sollen, sind sie überfrachtet und wirken eher zerstörerisch als aufbauend.
Das gilt im persönlichen Leben: Prestige, Konsum und Karriere ohne das Vertrauen, dass das eigene Leben gegründet ist und bejaht ohne mein Zutun, kann aufreiben und krank machen, kann Familien zerstören und Kinder an den Rand drängen. Deshalb ist die Einladung zum Fest des Lebens, in die Fülle des Lebens so wichtig.
Aber auch gesamtgesellschaftlich brauchen Leistung und Gewinn Werte, die ihnen das menschliche Maß geben. Eine Gesellschaft, die Leistung und Gewinn keine Werte gegenüberstellt, die Entgleisungen nicht in ihre Schranken weist, frisst sich schließlich selber auf. Arbeit und Gewinnmaximierung um jeden Preis zerstören die Gesellschaft wie ein Tumor. Deshalb ist die Einladung zum Fest des Lebens, in die Fülle des Lebens so wichtig.
Und zweitens geht es im Bibeltext um das Private: Ich habe eine Frau genommen und kann deshalb nicht kommen. Das Eigene, die Familie, mein gemütliches Zuhause sind wichtiger als das Fest des Lebens. Wer sich in seiner Bequemlichkeit nicht stören lassen will, wer darauf besteht, seines eigenen Glückes Schmied zu sein und zu bleiben, der schließt sich selbst vom großen Festmahl aus. Wer die Einladung ignoriert und statt dessen lieber Sorgen konserviert, wird schließlich wirklich nicht dabei sein. Wer Beweise statt Feiern will, wer sich nur in Richtigkeiten bergen kann, für die oder den ist das Fest des Lebens Schall und Rauch. Dann ist das Leben Anstrengung – von Feiern kann keine Rede sein.
Manche Menschen stellen Bedingungen auf, ehe sie sich auf den Weg zum Festsaal machen wollen: Ja, wenn ich erst wieder gesund bin, dann komme ich zum Fest des Lebens… Ja, wenn sich mein Ehepartner geändert hat, dann… Ja, wenn ich wieder eine Perspektive im Leben habe und aus dieser Krise heraus bin, dann kann ich kommen.
Die Einladung Gottes, so wie sie Jesus in diesem Gleichnis nahe bringt, kennt keine Bedingungen. Im Gegenteil: Wenn Sie im Lukasevangelium im Anschluss an dieses Gleichnis weiter lesen, finden Sie eine harsche Ansage Jesu. Wir können nur blank kommen. Nicht nur ohne Ansprüche, sondern auch frei von Abhängigkeiten. Jesus fordert, das Eigene hintanzusetzen. Was für eine unbequeme Forderung, ja! Zugleich aber könnte uns diese Forderung retten vor dem Egoismus, der uns letztlich auffrisst.
Jesu unbequemer Ruf in seine Nachfolge kann uns zu den Menschen machen, die dann zu guter Letzt doch auf dem Fest auftauchen. Am Ende lädt der Gastgeber die Armen, die Verkrüppelten, Blinden und Lahmen ein. Und ganz zum Schluss noch die an den Hecken und Zäunen. Das sind die, die nichts Großartiges zu bieten haben, aber auch keine großen Ansprüche an das Leben haben. Das sind die, die nicht etabliert sind, die in kein Wohlstandsschema von Eigenheim und wohl geratenen Kindern passen (obwohl sie durchaus in netten Häusern wohnen können und Kinder haben können, die sie lieben).
Jetzt sind die Alten und die Kranken dabei, diejenigen, die keine Karriere gemacht haben, und die, auf die niemand stolz ist. Und sogar die, die sich eigentlich nicht zu den Insidern zählen, die eigentlich außen stehen und skeptisch sind, gehören auf einmal dazu.
Denn Jesu wirklich unbequemer Ruf in seine Nachfolge, nämlich alles aufzugeben, woran wir uns klammern, was wir gern vorweisen, wenn es darum geht, ein guter Christ zu sein, stellt uns an die Seite des Zöllners im Tempel. Er steht ganz hinten im Dunkel der Wände und weiß, dass er nichts zu bringen hat. „Gott, sei mir Sünder gnädig“, bittet er. Jesus sagt, dass er gerechtfertigt geht – und nicht der Fromme, der vorn in der ersten Reihe gesessen hatte und froh war, nicht so ein bemitleidenswerter Mensch wie der da hinten zu sein.
Die da hinten sind eingeladen, liebe Gemeinde. Sie/wir zögern nicht lange und sorgen mit ihren/unseren Handicaps und Defiziten dafür, dass das Fest doch noch stattfinden kann. Und zwar nicht als Verlegenheitslösung, sondern als die bessere Möglichkeit. Es gibt keine Grenzen mehr für die Einladung. Die Weitherzigkeit des Gastgebers umfasst alle.
Das große Gastmahl findet statt. Vielleicht wird es jetzt ein wenig anders werden: Vielleicht wird uns das Geld für die Festbeleuchtung und den vierten Gang fehlen. Wahrscheinlich sehen wir nicht nur strahlende Gesichter, sondern auch Trauernde und Verzweifelte. Nicht alle werden beim Tanz die richtigen Schritte machen. Wir werden weniger prächtige Kleider und mehr Rollstühle sehen. Und wir brauchen uns nicht verstellen und müssen nicht anders sein, als uns zumute ist.
Das Fest des Lebens findet statt. Gott ist der Einladende. Wir sind die Geladenen.
Unser Leben sei ein Fest…
Sabine Haverkamp, Pfarrerin für Frauenarbeit
Der Bibeltext, auf den sich die Andacht bezieht ist übrigens Lk 14,16-24 und lautet:
16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
18 Und sie fingen an alle
nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe
einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte
dich, entschuldige mich.
19 Und der zweite sprach: Ich
habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu
besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
21 Und
der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr
zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen
und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und
Lahmen herein.
22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
23 Und der Herr sprach zu dem
Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie
hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.
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