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Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig


Man muss nicht drum herum reden: Der Stachel sitzt tief. Für den Kirchenkreis Herford ist das zurückliegende Jahr ein schwieriges gewesen. Manche geschlagene Wunde ist noch lange nicht geheilt. Das Phänomen „Sondervermögen“ bleibt sonderbar. Menschen, die in diesem Kirchenkreis, in seinen Gemeinden und Einrichtungen beschäftigt sind, werden auch zukünftig darauf angesprochen werden. Mal ärgerlich, mal spöttisch, mal bloß aus Neugier. Die kritische Zeit liegt zwar einige Monate zurück, aber man soll nicht glauben, das Ganze sei nun vergessen. Der Stachel sitzt. Eine Schwachstelle ist offenbar geworden, die uns auch im Jahr 2012 zu denken geben wird.

Einige haben ihre tiefe Enttäuschung zum Ausdruck gebracht. „Wie kann es in der Kirche passieren, dass nicht offen und ehrlich gearbeitet wird?“, fragen sie. Andere finden eine Entschuldigung und sagen: „In der Kirche sind Menschen am Werk. Niemand ist perfekt.“ Wiederum andere blicken eher sorgenvoll in die Zukunft und fragen: Wie soll denn nun wieder Vertrauen wachsen, so dass wir miteinander eine positive Ausstrahlung gewinnen und die Leute sich gern zur Kirche halten?

Diese Fragen und Einsichten sind verständlich. Sie greifen vielleicht aber zu kurz. Sie umkreisen im Wesentlichen unsere menschlichen Möglichkeiten. Mehr nicht. Natürlich müssen wir uns anstrengen, dass wir moralisch nicht wieder in eine Schieflage geraten. Gewiss könnten wir unsere Erwartungen von Anfang an auf ein realistisches Maß herunterschrauben, dass wir am Ende keine Enttäuschung erfahren. Und sinnvoll ist es auch, am Image zu arbeiten. Das sind respektable Strategien. Sie laufen allerdings – wenn es nur bei ihnen bliebe – ins Leere.

Die Jahreslosung aus dem 2. Korintherbrief des Paulus weitet hier unseren Blick. Sie zeigt uns, dass es gut ist, nicht nur auf die eigene Kraft zu vertrauen.

Paulus selbst spricht ebenfalls von einem tief sitzenden Stachel. Ein Pfahl sei ihm ins Fleisch gegeben, eine Krankheit, bei der er sich fühle, als werde er mit Fäusten geschlagen. Ein schwerer Kopfschmerz vielleicht, Migräne? So meinen einzelne Ausleger des Neuen Testaments aus den knappen Angaben ermitteln zu können. Auf diesen Schwachpunkt wird der Apostel immer wieder empfindlich zurückgeworfen. Mehrmals fleht er zu seinem Herrn, dass dieser Stachel doch von ihm weichen möge. Die Antwort, die Jesus ihm gibt, geht über die Situation der Krankheit des Paulus hinaus. Sie bietet einen umfassenden Blick. Der Herr antwortet ihm: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Der zweite Teil dieses Wortes ist unsere Jahreslosung. Er ist die Begründung für den ersten Teil. Für sich genommen könnte man den ersten Teil als eine Zurückweisung verstehen. In dem Sinne: „Lieber Paulus, lass es gut sein.“ Der zweite Teil der Antwort führt aber weiter und hilft, dass Paulus nicht zu resignieren braucht. „Du wirst auskommen mit dem, was du hast“, sagt ihm der Herr. Und der Apostel erkennt auf dieses Wort hin, dass in seiner Schwäche eine besondere Stärke liegt, nämlich die Kraft Gottes. Auch da, wo ich schwach bin, bin ich stark. Der Blick geht weg von den eigenen Fähigkeiten und Begrenzungen hin zu Gottes Möglichkeiten. Und der wartet nicht auf moralisches Perfektsein, der wartet nicht auf bestechendes Auftreten und beeindruckende Missionserfolge. Gott wartet vielmehr darauf, dass Paulus mitsamt seiner Kopfschmerzen und anderer möglicher Schwachstellen erkennt, mit welcher Kraft er von ihm her ausgestattet ist. Von dieser Kraft soll Paulus Gebrauch machen.

Und damit eröffnet sich ein weites Feld von Möglichkeiten.

In diesem Feld der Gotteskraft – wie es die Jahreslosung ins Spiel bringt -schauen wir noch einmal anders auf unsere Phänomene im Kirchenkreis. Wir lernen, unsere eigenen Kräfte realistisch einzuschätzen. Die sind schön und nützlich, aber im letzten hängt es nicht an ihnen. Wir werden uns nicht überheben, aber auch nicht zu gering denken von dem, was möglich ist. Wir werden unsere Schwächen nicht krampfhaft zu überspielen versuchen. Wir werden nicht aus eigener Kraft auftrumpfen. Die Zukunft unserer Gemeinden und des Kirchenkreises liegt nicht in verbesserten Strategien oder in einer gesteigerten Moral. Sie liegt vielmehr in dem Vertrauen, dass Gott aus unserer Schwäche heraus Gemeinde wachsen lässt.

Weil er denn, wie Paulus sagt, eine Schwäche für uns hat.

Superintendent Michael Krause

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